SVF I.537
- Stoiker
- Kleanthes von Assos
- Antike Quelle
- Stobaeus, Eclogae (Anthology), Book I — Ecl. I 1,12 p. 25,3 W.
- Quellsprache
- Altgriechisch
- Quellenstatus
- Direktes Zitat · Fragment · Textlich umstritten
Original — Altgriechisch
Κύδιστ᾽ ἀθανάτων, πολυώνυμε, παγκρατὲς αἰεί,
Ζεῦ, φύσεως ἀρχηγέ, νόμου μέτα πάντα κυβερνῶν,
χαῖρε· σὲ γὰρ πάντεσσι θέμις θνητοῖσι προσαυδᾶν.
ἐκ σοῦ γὰρ γένος εἴσ᾽ ἤχου μίμημα λαχόντες
μοῦνοι, ὅσα ζώει τε καὶ ἕρπει θνήτ᾽ ἐπὶ γαῖαν·
τῷ σε καθυμνήσω καὶ σὸν κράτος αἰὲν ἀείσω.
σοὶ δὴ πᾶς ὅδε κόσμος, ἑλισσόμενος περὶ γαῖαν,
πείθεται, ᾗ κεν ἄγῃς, καὶ ἑκὼν ὑπὸ σεῖο κρατεῖται·
τοῖον ἔχεις ὑποεργὸν ἀνικήτοις ὑπὸ χερσὶν
ἀμφήκη, πυρόεντα, ἀειζώοντα κεραυνόν·
τοῦ γὰρ ὑπὸ πληγῆς φύσεως πάντ᾽ ἔργα ⟨τελεῖται⟩·
ᾧ σὺ κατευθύνεις κοινὸν λόγον, ὃς διὰ πάντων
φοιτᾷ, μιγνύμενος μεγάλοις μικροῖς τε φάεσσι·
ᾧ σὺ τόσος γεγαὼς ὕπατος βασιλεὺς διὰ παντός.
οὐδέ τι γίγνεται ἔργον ἐπὶ χθονὶ σοῦ δίχα, δαῖμον,
οὔτε κατ᾽ αἰθέριον θεῖον πόλον οὔτ᾽ ἐνὶ πόντῳ,
πλὴν ὁπόσα ῥέζουσι κακοὶ σφετέραισιν ἀνοίαις·
ἀλλὰ σὺ καὶ τὰ περισσὰ ἐπίστασαι ἄρτια θεῖναι,
καὶ κοσμεῖν τἄκοσμα καὶ οὐ φίλα σοὶ φίλα ἐστίν.
ὧδε γὰρ εἰς ἓν πάντα συνήρμοκας ἐσθλὰ κακοῖσιν,
ὥσθ᾽ ἕνα γίγνεσθαι πάντων λόγον αἰὲν ἐόντα,
ὃν φεύγοντες ἐῶσιν ὅσοι θνητῶν κακοί εἰσι,
δύσμοροι, οἵ τ᾽ ἀγαθῶν μὲν ἀεὶ κτῆσιν ποθέοντες
οὔτ᾽ ἐσορῶσι θεοῦ κοινὸν νόμον, οὔτε κλύουσιν,
ᾧ κεν πειθόμενοι σὺν νῷ βίον ἐσθλὸν ἔχοιεν.
αὐτοὶ δ᾽ αὖθ᾽ ὁρμῶσιν ἄνοι κακὸν ἄλλος ἐπ᾽ ἄλλο,
οἱ μὲν ὑπὲρ δόξης σπουδὴν δυσέριστον ἔχοντες,
οἱ δ᾽ ἐπὶ κερδοσύνας τετραμμένοι οὐδενὶ κόσμῳ,
ἄλλοι δ᾽ εἰς ἄνεσιν καὶ σώματος ἡδέα ἔργα.
⟨ἀλλὰ κακοῖς ἐπέκυρσαν⟩, ἐπ᾽ ἄλλοτε δ᾽ ἄλλα φέρονται
σπεύδοντες μάλα πάμπαν ἐναντία τῶνδε γενέσθαι.
ἀλλὰ Ζεῦ πάνδωρε, κελαινεφές, ἀργικέραυνε,
ἀνθρώπους ⟨μὲν⟩ ῥύου ἀπειροσύνης ἄπο λυγρῆς,
ἣν σύ, πάτερ, σκέδασον ψυχῆς ἄπο, δὸς δὲ κυρῆσαι
γνώμης, ᾗ πίσυνος σὺ δίκης μέτα πάντα κυβερνᾷς,
ὄφρ᾽ ἂν τιμηθέντες ἀμειβώμεσθά σε τιμῇ,
ὑμνοῦντες τὰ σὰ ἔργα διηνεκές, ὡς ἐπέοικε
θνητὸν ἐόντ᾽, ἐπεὶ οὔτε βροτοῖς γέρας ἄλλο τι μεῖζον,
οὔτε θεοῖς, ἢ κοινὸν ἀεὶ νόμον ἐν δίκῃ ὑμνεῖν.StoicOs-Übersetzung
Ruhmreichster der Unsterblichen, Vielnamiger, allmächtig immerdar, Zeus, Urheber der Natur, der mit dem Gesetz alles lenkt — sei gegrüßt! Denn allen Sterblichen ist es Recht, dich anzureden: Aus dir sind wir geboren, und wir allein von allem, was sterblich auf Erden lebt und sich regt, empfingen ein Abbild deiner Stimme. Darum will ich dich preisen und deine Macht immerdar besingen. Dir gehorcht dieser ganze Kosmos, der sich um die Erde dreht, wohin du ihn führst, und willig lässt er sich von dir beherrschen: Solch einen Diener hältst du in unbesiegbaren Händen — den zweischneidigen, feurigen, ewig lebenden Blitz, unter dessen Schlag alle Werke der Natur vollbracht werden. Mit ihm richtest du die gemeinsame Vernunft, die durch alles geht und sich mit den großen und kleinen Lichtern mischt; dadurch bist du so groß geworden, höchster König durch alles hindurch. Kein Werk geschieht auf Erden ohne dich, Gottheit, weder am göttlichen Himmelsgewölbe noch im Meer — außer dem, was die Schlechten in ihren eigenen Torheiten tun. Doch du verstehst es, selbst das Ungerade gerade zu machen und das Ungeordnete zu ordnen; und was nicht lieb ist, ist dir lieb. Denn so hast du alles zu einem gefügt, das Gute mit dem Schlechten, dass eine Vernunft von allem entsteht, ewig seiend — die alle Schlechten unter den Sterblichen fliehen und verlassen: Unselige, die, stets nach dem Besitz von Gütern verlangend, Gottes gemeinsames Gesetz weder sehen noch hören, durch dessen Gehorsam sie mit Verstand ein gutes Leben hätten. Sie aber stürzen, unverständig, jeder einem anderen Übel nach: die einen in streitsüchtigem Eifer um Ruhm, andere maßlos auf Gewinn gewandt, wieder andere auf Lässigkeit und die süßen Werke des Leibes — ⟨doch sie trafen auf Übel⟩, und werden bald hierhin, bald dorthin getragen, eifrig strebend, das völlige Gegenteil von alldem zu erlangen. Aber Zeus, Allgeber, Wolkendunkler, Herr des grellen Blitzes, errette die Menschen aus ihrer verderblichen Unwissenheit; zerstreue sie, Vater, aus der Seele, und gewähre uns, die Einsicht zu erlangen, auf die vertrauend du alles mit Gerechtigkeit lenkst — damit wir, geehrt, dich mit Ehre vergelten, deine Werke ohne Unterlass preisend, wie es einem Sterblichen ziemt; denn es gibt kein größeres Vorrecht für Sterbliche noch für Götter, als das gemeinsame Gesetz immerdar in Gerechtigkeit zu preisen.
Kontext
Stobaios eröffnet sein Kapitel über Zeus mit diesem Hymnus unter der schlichten Überschrift 'Des Kleanthes'. Er ist in einer einzigen Handschrift erhalten — das längste zusammenhängende Stück frühstoischen Schreibens, das wir besitzen: Philosophie, komponiert als Kultdichtung in homerisch-epischer Sprache.
Quellenhinweise:Text verifiziert gegen von Arnim, SVF I (1903), Nr. 537, S. 121–123 (OCR der gescannten Edition), aus der einzigen Handschrift F des Stobaios unter der Überschrift “Des Kleanthes”. Redaktionelle Eingriffe folgen von Arnims Text: V. 4 εἴσ᾽ ist von Arnims eigene metrische Korrektur (F liest ἐσμέν); V. 11 ⟨τελεῖται⟩ von von Arnim ergänzt; V. 14 ᾧ σὺ τόσος ist seine Korrektur von F's ὡς τόσσος (Pearson verwarf den Vers); V. 26 ἄνοι ist Wachsmuths Konjektur (F: ἄνευ); V. 30 beginnt mit von Arnims Exempli-causa-Ergänzung ⟨ἀλλὰ κακοῖς ἐπέκυρσαν⟩ für eine Lücke; V. 33 ⟨μὲν⟩ von Scaliger hinzugefügt.
Was die Quelle tatsächlich mitteilt
Ein direktes Zitat von neununddreißig Hexametern unter Kleanthes' Namen — seine eigene Stimme, kein Bericht. Die Lehre ist nachweislich stoisch und kleanthisch: Zeus als gesetzlenkende Natur, das Blitzfeuer als Instrument (vgl. die Sonnenlehre, SVF I.499), der gemeinsame Logos durch alles, das Böse beschränkt auf die Torheiten der Schlechten, und die Schlussethik willigen Gehorsams, die zu SVF I.527 und I.552 passt.
Philosophische Bedeutung
Der Hymnus ist stoische Physik, die Gebet wird. Zeus ist keine Person neben der Welt, sondern das Gesetz, das sie lenkt; sein Blitz ist das ewig lebende Feuer; der 'gemeinsame Logos' läuft durch Großes und Kleines. Das Böse hat keinen kosmischen Stand — nur die Schlechten, taub für das gemeinsame Gesetz, bringen es hervor, und selbst ihre Unordnung wird ins Ganze harmonisiert. Die Bitte erbittet nur eine Gabe: Einsicht (gnōmē), die Erlösung aus der Unwissenheit. Das Lob des gemeinsamen Gesetzes, in Gerechtigkeit gesungen, ist der höchste menschliche Akt — Philosophie und Gottesdienst in einem.
Wissenschaftliche Unsicherheit
Ein Text aus einer einzigen Handschrift mit echten redaktionellen Eingriffen: Vers 4, wie gedruckt ('ein Abbild deiner Stimme/deines Klangs'), beruht auf von Arnims eigener Emendation, wo die Handschrift 'aus dir sind wir geboren' mit der Aratos-Parallele liest; Vers 14 wurde von Pearson gänzlich verworfen; Vers 30 beginnt mit einer modernen Ergänzung für eine Lücke. Anlass, Datum und Ort des Hymnus in Kleanthes' Werk sind unbekannt. Unsere Prosaübersetzung gibt von Arnims gedruckten Text wieder und markiert seine Ergänzungen mit ⟨ ⟩.
Biographischer Kontext
Weiter vertiefen
Über diese Edition
Die StoicOs Ancient Library ist eine wachsende mehrsprachige digitale Studienausgabe des erhaltenen frühstoischen Materials. Die von Hans von Arnim zusammengestellten Stoicorum Veterum Fragmenta bilden den traditionellen Referenzrahmen. StoicOs unterscheidet sorgfältig zwischen Fragmenten, Testimonien, späteren Berichten und Interpretation. StoicOs-Übersetzungen werden, wo verfügbar, aus den erhaltenen antikssprachigen Quellen erarbeitet.