SVF I.216

Stoiker
Zenon von Kition
Antike Quelle
Stobaeus, Eclogae, Book II (Arius Didymus) — II 7,11g p. 99,3 W.
Quellsprache
Altgriechisch
Quellenstatus
Testimonium

Original — Altgriechisch

ἀρέσκει γὰρ τῷ τε Ζήνωνι καὶ τοῖς ἀπ᾽ αὐτοῦ Στωικοῖς φιλοσόφοις δύο γένη τῶν ἀνθρώπων εἶναι, τὸ μὲν τῶν σπουδαίων, τὸ δὲ τῶν φαύλων· καὶ τὸ μὲν τῶν σπουδαίων διὰ παντὸς τοῦ βίου χρῆσθαι ταῖς ἀρεταῖς, τὸ δὲ τῶν φαύλων ταῖς κακίαις· ὅθεν τὸ μὲν ἀεὶ κατορθοῦν ἐν ἅπασιν οἷς προστίθεται, τὸ δὲ ἁμαρτάνειν. καὶ τὸν μὲν σπουδαῖον ταῖς περὶ τὸν βίον ἐμπειρίαις χρώμενον ἐν τοῖς πραττομένοις ὑπ᾽ αὐτοῦ πάντ᾽ εὖ ποιεῖν, καθάπερ φρονίμως καὶ σωφρόνως καὶ κατὰ τὰς ἄλλας ἀρετάς· τὸν δὲ φαῦλον κατὰ τοὐναντίον κακῶς. καὶ τὸν μὲν σπουδαῖον μέγαν καὶ ἁδρὸν καὶ ὑψηλὸν καὶ ἰσχυρόν. μέγαν μὲν ὅτι δύναται ἐφικνεῖσθαι τῶν κατὰ προαίρεσιν ὄντων αὐτῷ καὶ προκειμένων· ἁδρὸν δέ, ὅτι ἐστὶν ηὐξημένος πάντοθεν· ὑψηλὸν δ᾽, ὅτι μετείληφε τοῦ ἐπιβάλλοντος ὕψους ἀνδρὶ γενναίῳ καὶ σοφῷ· καὶ ἰσχυρὸν δ᾽, ὅτι τὴν ἐπιβάλλουσαν ἰσχὺν περιπεποίηται, ἀήττητος ὢν καὶ ἀκαταγώνιστος. παρ᾽ ὃ καὶ οὔτε ἀναγκάζεται ὑπό τινος οὔτε ἀναγκάζει τινα, οὔτε κωλύεται οὔτε κωλύει, οὔτε βιάζεται ὑπό τινος οὔτ᾽ αὐτὸς βιάζει τινα, οὔτε δεσπόζει οὔτε δεσπόζεται, οὔτε κακοποιεῖ τινὰ οὔτ᾽ αὐτὸς κακοποιεῖται, οὔτε κακοῖς περιπίπτει ⟨οὔτ᾽ ἄλλον ποιεῖ κακοῖς περιπίπτειν⟩, οὔτε ἐξαπατᾶται οὔτε ἐξαπατᾷ ἄλλον, οὔτε διαψεύδεται οὔτε ἀγνοεῖ οὔτε λανθάνει ἑαυτόν, οὔτε καθόλου ψεῦδος ὑπολαμβάνει· εὐδαίμων δέ ἐστι μάλιστα καὶ εὐτυχὴς καὶ μακάριος καὶ ὄλβιος καὶ εὐσεβὴς καὶ θεοφιλὴς καὶ ἀξιωματικός, βασιλικός τε καὶ στρατηγικὸς καὶ πολιτικὸς καὶ οἰκονομικὸς καὶ χρηματιστικός. τοὺς δὲ φαύλους ἅπαντα τούτοις ἐναντία ἔχειν.

StoicOs-Übersetzung

Denn es ist die Ansicht Zenons und der stoischen Philosophen nach ihm, dass es zwei Gattungen von Menschen gibt: die der Trefflichen (spoudaioi) und die der Schlechten (phauloi). Die Gattung der Trefflichen gebraucht das ganze Leben hindurch die Tugenden, die der Schlechten die Laster; daher handelt die eine stets richtig in allem, was sie unternimmt, die andere fehlt. Der Treffliche, der seine Lebenserfahrung in seinem Tun gebraucht, macht alles gut — nämlich klug, mäßig und gemäß den anderen Tugenden; der Schlechte dagegen macht alles schlecht. Und der Treffliche ist groß, stattlich, erhaben und stark: groß, weil er erreichen kann, was seinem Vorsatz gemäß ist und vor ihm liegt; stattlich, weil er nach allen Seiten gewachsen ist; erhaben, weil er an der Höhe teilhat, die einem edlen und weisen Mann zukommt; und stark, weil er die ihm zukommende Kraft erworben hat, unbesiegt und unbezwingbar. Daher wird er weder von jemandem gezwungen noch zwingt er jemanden, wird weder gehindert noch hindert er, wird weder von jemandem vergewaltigt noch tut er selbst jemandem Gewalt an, weder herrscht er despotisch noch wird er beherrscht, weder schädigt er jemanden noch wird er selbst geschädigt, weder fällt er in Übel ⟨noch lässt er einen anderen in Übel fallen⟩, wird weder getäuscht noch täuscht er einen anderen, irrt sich nicht, ist nicht unwissend, entgeht sich selbst nicht und nimmt überhaupt keine Falschheit an. Er ist vor allem glücklich, und vom Glück begünstigt, und selig, und gesegnet, und fromm, und gottgeliebt, und würdevoll — königlich, zum Feldherrn geeignet, politisch, ökonomisch und im Erwerben geschickt. Die Schlechten aber haben in allem das Gegenteil davon.

Kontext

Die systematische ethische Doxographie bei Stobaios (auf Areios Didymos zurückgehend) eröffnet ihre Darstellung des Weisen und des Toren mit dieser programmatischen Erklärung, die Zenon zuerst nennt und die Stoiker nach ihm als Mitträger der Lehre.

Quellenhinweise:Text verifiziert gegen von Arnim, SVF I (1903), Nr. 216, S. 52–53 (OCR der gescannten Edition). Eine Klausel (“noch lässt er einen anderen in Übel fallen”) ist eine redaktionelle Ergänzung, die von Arnim mit Spitzklammern markiert und die Symmetrie der Liste wiederherstellt.

Was die Quelle tatsächlich mitteilt

Ein Testimonium, das die Zwei-Gattungen-Lehre gemeinsam “Zenon und den stoischen Philosophen nach ihm” zuschreibt. Die eröffnende Dichotomie ist damit im Gründer verankert; das anschwellende Enkomion des Weisen, das folgt, ist die systematische Ausarbeitung von Schulmaterial durch den Doxographen.

Philosophische Bedeutung

Kein Mittelweg: Die Menschheit teilt sich in die Trefflichen, die in allem aus Tugend handeln, und die Schlechten, die in allem fehlen. Aus dieser Dichotomie wachsen die berühmten stoischen Paradoxa — allein der Weise ist frei, König, Feldherr, reich — hier schon im Keim. Der Weise ist keine Beschreibung eines Lebenden, sondern ein regulatives Ideal: der Polarstern, an dem die Schule allen wirklichen Fortschritt maß (vgl. SVF I.234).

Wissenschaftliche Unsicherheit

Die Lehre wird Zenon zusammen mit seiner Schule zugeschrieben; die Dichotomie selbst ist gewiss früh (vgl. SVF I.224 über gleiche Verfehlungen), doch das lange Enkomion des Weisen trägt den Stempel späterer doxographischer Systematisierung, und kein Wortlaut kann als Zenons eigener beansprucht werden. Eine Klausel ist eine redaktionelle Ergänzung von Arnims.

Biographischer Kontext

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Über diese Edition

Die StoicOs Ancient Library ist eine wachsende mehrsprachige digitale Studienausgabe des erhaltenen frühstoischen Materials. Die von Hans von Arnim zusammengestellten Stoicorum Veterum Fragmenta bilden den traditionellen Referenzrahmen. StoicOs unterscheidet sorgfältig zwischen Fragmenten, Testimonien, späteren Berichten und Interpretation. StoicOs-Übersetzungen werden, wo verfügbar, aus den erhaltenen antikssprachigen Quellen erarbeitet.

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