SVF I.86
- Stoiker
- Zenon von Kition
- Antike Quelle
- Chalcidius, Commentary on Plato's Timaeus — in Tim. c. 290
- Quellsprache
- Latein
- Quellenstatus
- Späterer Bericht
Original — Latein
Plerique tamen silvam separant ab essentia, ut Zeno et Chrysippus. Silvam quippe dicunt esse id quod subest his omnibus quae habent qualitates, essentiam vero primam rerum omnium silvam vel antiquissimum fundamentum earum, suapte natura sine vultu et informe: ut puta aes, aurum, ferrum, et caetera huius modi silva est eorum, quae ex iisdem fabrefiunt, non tamen essentia. At vero quod tam his quam ceteris ut sint causa est, ipsum esse substantiam.StoicOs-Übersetzung
Die meisten jedoch unterscheiden die Materie (silva) vom Wesen, so Zenon und Chrysipp. Denn sie sagen, Materie sei das, was allen Dingen mit Eigenschaften zugrunde liegt, Wesen aber die erste Materie aller Dinge, ihr ältestes Fundament, von eigener Natur ohne Antlitz und formlos: Bronze, Gold, Eisen und dergleichen sind die Materie dessen, was daraus gefertigt wird, doch nicht sein Wesen. Was aber sowohl für diese wie für die übrigen Dinge Ursache ihres Seins ist — das selbst ist die Substanz.
Kontext
Chalcidius, ein lateinischer christlicher Platoniker des 4. Jahrhunderts n.Chr., schrieb den Timaios-Kommentar, durch den das Mittelalter den Dialog kannte. In seinem Überblick über antike Materietheorien berichtet er die stoische Unterscheidung zwischen qualifizierter Materie und dem ersten, formlosen Substrat und nennt Zenon und Chrysipp gemeinsam als Autoritäten.
Quellenhinweise:Lateinischer Text verifiziert gegen H. von Arnim, SVF I (1903), Nr. 86, S. 24–25 (gescannte Seiten). WICHTIG: Chalcidius schreibt diese Lehre ZENON UND CHRYSIPP GEMEINSAM zu (“ut Zeno et Chrysippus”) — es ist kein exklusiv zenonisches Fragment. Unter derselben Nummer fügt von Arnim “Cf. Chalcid. in Tim. c. 294” hinzu (die Stoiker über den die Materie durchdringenden Gott “velut semen per membra genitalia”), über die Stoiker allgemein formuliert.
Was die Quelle tatsächlich mitteilt
Ein späterer Bericht eines platonischen Kommentators, sieben Jahrhunderte nach Zenon, in lateinischer Übersetzung stoischer Terminologie (silva für Hylē). Die Zuschreibung ist ausdrücklich GEMEINSAM — “wie Zenon und Chrysipp” —, nichts hierin kann also Zenon exklusiv zugewiesen werden; gesichert ist, dass die Materie/Wesen-Unterscheidung der Schule auf beide Begründer zurückgeführt wurde. Das Cf.-Addendum über den die Materie durchdringenden Gott spricht von den Stoikern allgemein.
Philosophische Bedeutung
Der Bericht vertieft die Zwei-Prinzipien-Lehre (siehe SVF I.85): Unter jedem qualifizierten Ding liegt Materie, und unter aller Materie das erste, formlose Substrat — gesichtslose Bronze, ehe sie Statue ist. Die Stoiker unterscheiden so Ebenen des passiven Prinzips selbst und geben ihrer Physik eine geschichtete Darstellung dessen, was Existieren heißt.
Wissenschaftliche Unsicherheit
Chalcidius schreibt in platonisierendem Latein aus großer Distanz; wie genau sein silva/essentia/substantia dem griechischen Hylē/Ousia der frühen Stoa entspricht, ist umstritten, und der Schlusssatz über die Substanz ist syntaktisch schwierig — unsere Übersetzung ist eine Arbeitsübersetzung. Zenons individueller Anteil an der Lehre lässt sich nicht isolieren.
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Über diese Edition
Die StoicOs Ancient Library ist eine wachsende mehrsprachige digitale Studienausgabe des erhaltenen frühstoischen Materials. Die von Hans von Arnim zusammengestellten Stoicorum Veterum Fragmenta bilden den traditionellen Referenzrahmen. StoicOs unterscheidet sorgfältig zwischen Fragmenten, Testimonien, späteren Berichten und Interpretation. StoicOs-Übersetzungen werden, wo verfügbar, aus den erhaltenen antikssprachigen Quellen erarbeitet.