SVF I.77

Stoiker
Zenon von Kition
Antike Quelle
Cicero, Epistulae ad familiares, Book IX — fam. 9.22,1
Quellsprache
Latein
Quellenstatus
Späterer Bericht

Original — Latein

Amo verecundiam, ⟨tu autem ... iam⟩ vel potius libertatem loquendi. Atqui hoc Zenoni placuit — homini mehercule acuto, etsi Academiae nostrae cum eo magna rixa est — sed, ut dico, placet Stoicis suo quamque rem nomine appellare. ... Habes scholam Stoicam: ὁ σοφὸς εὐθυρρημονήσει.

StoicOs-Übersetzung

Ich liebe die Scheu, ⟨du aber ... nun⟩ — oder vielmehr die Freiheit des Redens. Und doch gefiel dies Zenon — beim Herkules ein scharfsinniger Mann, auch wenn unsere Akademie großen Streit mit ihm hat — aber, wie gesagt, den Stoikern gefällt es, jedes Ding bei seinem eigenen Namen zu nennen. ... Da hast du die stoische Schule: Der Weise wird geradeheraus sprechen.

Kontext

Ein Privatbrief Ciceros an Paetus, 46 v.Chr. in scherzhaftem Ton geschrieben: Cicero neckt seinen Freund, indem er augenzwinkernd die stoische These entfaltet, nichts sei obszön und jedes Ding solle bei seinem eigenen Namen genannt werden. Der Argumentteil (nichts Schändliches liegt in der Sache oder im Wort) wird mit Beispielen entwickelt, die von Arnim kürzt. In De officiis 1.128, unter derselben Nummer gedruckt, verwirft Cicero dieselbe Position ernsthaft.

Quellenhinweise:Lateinischer Text verifiziert gegen H. von Arnim, SVF I (1903), Nr. 77, S. 22 (gescannte Seite). Die spitzen Klammern ⟨tu autem ... iam⟩ markieren ein editorisches Supplement an einer beschädigten Stelle von Ciceros Brief — exakt wie bei von Arnim gedruckt. Der Brief fährt fort mit Ciceros spielerischer Entfaltung des stoischen Arguments (von Arnim kürzt die Beispiele mit “(secuntur exempla)”) und schließt: “Habes scholam Stoicam: ὁ σοφὸς εὐθυρρημονήσει”. Die Ellipse in unserem angezeigten Exzerpt ist markiert und hier erklärt: Sie überspringt Ciceros Beispielteil. Unter derselben Nummer fügt von Arnim Cicero, De officiis 1.128 hinzu, wo Cicero eben diese kynisch gefärbte Position kritisiert.

Was die Quelle tatsächlich mitteilt

Ein späterer Bericht in einem verspielten Privatbrief: Cicero schreibt das Prinzip namentlich Zenon zu (“hoc Zenoni placuit”) und den Stoikern allgemein und zitiert den griechischen Schulslogan ὁ σοφὸς εὐθυρρημονήσει (“der Weise wird geradeheraus sprechen”). Der scherzhafte Ton und Ciceros akademische Zugehörigkeit färben die Rahmung; die Lehre selbst passt zu Zenons gut bezeugtem kynischem Erbe. Das Supplement ⟨tu autem ... iam⟩ ist editorisch und markiert beschädigten Text.

Philosophische Bedeutung

Zenons Prinzip der Parrhēsia im Kleinen: Scham gehört zu Taten, nicht zu Worten. Ist eine Sache nicht schändlich, kann ihr klares Benennen es auch nicht sein; ist sie schändlich, wäscht ein Euphemismus sie nicht rein. Sprache soll der Wirklichkeit folgen — eine sprachliche Ehrlichkeit, die Zenon von den Kynikern erbte und zur stoischen Lehre disziplinierte.

Wissenschaftliche Unsicherheit

Die Ausarbeitung des Arguments ist Ciceros verspielte Paraphrase, nicht Zenons Text; wie weit Zenon selbst das Prinzip trieb, ist ungewiss, und Ciceros ernste Kritik in De officiis 1.128 zeigt, dass die Position selbst unter Bewunderern umstritten war.

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Über diese Edition

Die StoicOs Ancient Library ist eine wachsende mehrsprachige digitale Studienausgabe des erhaltenen frühstoischen Materials. Die von Hans von Arnim zusammengestellten Stoicorum Veterum Fragmenta bilden den traditionellen Referenzrahmen. StoicOs unterscheidet sorgfältig zwischen Fragmenten, Testimonien, späteren Berichten und Interpretation. StoicOs-Übersetzungen werden, wo verfügbar, aus den erhaltenen antikssprachigen Quellen erarbeitet.

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